Energie durch Entwicklung
Führungsgeschichten

Eine Geschichte über Zuhören

„Ist ja eh egal.“ Wenn dieser Satz umgeht, ist etwas im Gange. Eine Geschichte über Zuhören als aktiven Führungsakt gegen die innere Kündigung.

Victoria Beckers 4 Min. Lesezeit

Freitagmittag. Normalerweise atmet die Halle da auf. Heute wirkt sie, als hätte sie vergessen, wie Ausatmen geht.

Es sind Kleinigkeiten, die mich stutzig machen: weniger Witze, mehr Schweigen. Schichtwechsel ohne Blickkontakt. Und dieser Satz, den ich in den letzten zwei Tagen dreimal gehört habe:

„Ist ja eh egal.“

Egal-Sätze kommen nicht plötzlich. Sie wachsen. Sie sind der Anfang von innerer Kündigung. Und wenn sie da sind, hilft keine Parole.

Ich könnte jetzt eine Ansprache halten. Zahlen zeigen, Richtung erklären, ein „Wir schaffen das“ in die Luft stellen. Ich kenne diese Werkzeuge. Sie funktionieren, wenn ein Team nur müde ist. Nicht, wenn es resigniert.

Die Coachin hatte einmal gesagt: „Wenn Motivation weg ist, ist Zuhören der schnellste Weg zu Wahrheit.“ Damals habe ich genickt und gedacht, ich würde es schon tun. Heute merke ich: Ich habe viel geredet, organisiert, erklärt. Aber nicht wirklich gefragt.

Ich hänge ein Blatt ans Pausenraum-Board, ohne es groß anzukündigen: „Freitag 13:30, 30 Minuten Zuhören. Nur Fragen, keine Lösungen.“

Es fühlt sich merkwürdig an, so etwas aufzuschreiben, als wäre Zuhören eine Veranstaltung. Aber vielleicht braucht es genau das: einen Raum, der nicht nebenbei passiert.

Um halb zwei stehen zehn Leute im Pausenraum. Nicht alle, aber genug. Einige lehnen an der Wand, verschränkte Arme. Skepsis. Müdigkeit. Ein bisschen „Mal sehen, was das jetzt wird“.

Ich stelle mich nicht vorne hin wie bei einem Meeting. Ich bleibe in der Mitte, mitten unter ihnen. Kein Block in der Hand, nur ein Stift.

„Ich will heute nichts verkaufen“, beginne ich. „Ich will verstehen. Drei Fragen. Ihr antwortet so ehrlich, wie Ihr könnt. Ich diskutiere nicht. Ich schreibe nur auf.“

Sie schauen mich an. Nicht ablehnend, eher abwartend.

„Erste Frage“, sage ich. „Was raubt Euch gerade am meisten Energie?“

Stille. Ich merke, wie in mir ein Teil nervös wird: Falls jetzt niemand redet, wird es peinlich. Ich atme dagegen an. Halte den Raum.

Dann sagt Tobias, leiser als sonst: „Das ständige Umplanen. Ich weiß morgens nicht mehr, wie mein Tag aussieht.“Miriam: „Dass wir keinen Einfluss haben, aber alles ausbaden.“Sven: „Ziele steigen, Leute fehlen. Das macht wütend.“

Ich schreibe auf. Kein Kommentar.

„Zweite Frage“, sage ich. „Was müsste passieren, damit Ihr wieder sagen könnt: ‚Hier arbeite ich gern‘?“

Jule lacht kurz, ohne Freude. „Ehrlichkeit nach oben.“Marco: „Ein Plan, der hält. Weniger Notlösungen.“Tobias: „Dass jemand sagt, dass das hier gerade nicht normal ist. Ich hab das Gefühl, wir sollen still durchziehen.“

Ich schreibe, spüre, wie der Raum allmählich wärmer wird, weniger durch Harmonie, mehr durch Realität.

„Dritte Frage“, sage ich. „Was wünscht Ihr Euch von mir als Eurer Führungskraft?“

Das ist die schwerste. Weil ich sie nicht kontrollieren kann. Und weil alles, was hier gesagt wird, am Ende bei mir landet.

Sven schaut mich direkt an. „Sag früher Stopp, Lea. Du ziehst zu lange durch und erwartest das dann auch von uns.“Miriam: „Schütze die Pausen. Wenn’s brennt, opfern wir sie zuerst.“Jule: „Und wenn Du was nicht weißt, sag’s. Dann müssen wir nicht rätseln.“Marco ergänzt nach einem Moment: „Und klär schneller, wenn jemand dauerhaft überlastet ist. Wir sehen es, aber wir trauen uns manchmal nicht, es anzusprechen.“

Bei dem letzten Satz zieht sich etwas in mir zusammen. Nicht als Abwehr, eher als Erkenntnis: Ja. Genau das. Ich habe oft zu lange gehofft, dass es „von allein wieder wird“.

Ich sage immer noch nichts. Nur „Danke“. Und ich meine es.

Am Ende schaue ich auf die Liste. Zehn Minuten echte Wahrheit. Und plötzlich ist die Müdigkeit im Raum nicht mehr nur zäh, sie ist benennbar. Und Benennbares ist gestaltbar.

„Ich nehme das mit“, sage ich. „Und ich komme Montag mit drei konkreten Dingen zurück, die wir ändern. Alles andere erkläre ich Euch offen. Wenn ich etwas nicht lösen kann, sage ich es.“

Sie nicken. Nicht euphorisch. Aber beteiligt.

Als sie rausgehen, bleibt Tobias kurz stehen. „War gut, dass Du nur zugehört hast“, sagt er leise.

Ich lächle. „War gut, dass Ihr gesprochen habt.“

Später sitze ich allein im Pausenraum. Ich lese meine Notizen noch einmal. Und ich merke etwas, das mich fast erschreckt: Wie viel ich nicht wusste, weil ich zu beschäftigt war, zu funktionieren.

Zuhören ist nicht nett. Zuhören ist Führung.

Weil es verhindert, dass Menschen aufhören, mir die Wahrheit zu sagen. Und ohne Wahrheit führen wir im Blindflug.

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