Eine Geschichte über Selbstverantwortung
Zum dritten Mal erklärt er, warum es nicht geht. Eine Geschichte über Selbstverantwortung — und über den Moment, in dem gute Gründe zu Ausreden werden.
Zum dritten Mal erkläre ich, warum es nicht geht.
Mir gegenüber sitzt Carla, die mich seit einem halben Jahr begleitet. Ihr Notizbuch ist zugeklappt, sie hört einfach zu. Ich rede mich warm. Die Zusammenarbeit zwischen meinem Bereich und dem Vertrieb hakt seit Monaten, und ich habe die Gründe parat wie eine Preisliste. Die Geschäftsführung gibt keine klare Richtung. Das System belohnt jeden, der sein eigenes Silo verteidigt. Und Zeit habe ich ohnehin keine, das weiß hier jeder.
Ich bin Bereichsleiter Technik bei einem Zulieferer für Antriebstechnik. Zweihundert Leute, eine alte Firma, enge Gänge, ein Werk, das seit vierzig Jahren am selben Fleck steht. Ich kenne meine Muster. Carla und ich haben sie in den letzten Monaten oft genug angeschaut. Ich weiß, dass ich gern benenne, was schiefläuft, und die Ursache dabei nach draußen schiebe. Ich weiß es, und ich tue es trotzdem, gerade jetzt, in diesem Satz.
„Solange die da oben nicht klären, wer den Hut aufhat, kann ich an der Schnittstelle nichts drehen.“ Ich lehne mich zurück, fast zufrieden. Der Fall ist klar. Der Fehler liegt woanders. Ich habe ihn sauber verpackt und Carla vor die Füße gelegt.
Sie schweigt einen Moment. Dann fragt sie ruhig: „Und was davon liegt in Deiner Hand?“
Ich setze zur Antwort an und merke, dass ich schon wieder bei der Geschäftsführung bin. Bei Ralf aus dem Vertrieb, der nie zurückruft. Bei den Prozessen, die niemand aufräumt. Ich rede und höre mir dabei zu, und zum ersten Mal an diesem Nachmittag klingt es dünn. Ich habe alle Einsichten. Ich kann Dir mein Muster erklären, während ich mitten drin sitze. Und genau das ist das Problem: Ich verstehe alles, so dass sich am Ende nichts bewegt.
Ich kenne diese Frage. Carla hat sie mir in anderer Form schon oft gestellt, und ich habe jedes Mal klug darauf geantwortet. Ich weiß, wie Selbstverantwortung geht, ich könnte einen Vortrag darüber halten. Nur habe ich sie bislang immer für morgen aufgehoben, für den Tag, an dem die Rahmenbedingungen endlich stimmen. Der Tag kommt nicht. Das ist das Stille an dieser Erkenntnis: Sie steht seit Monaten fertig in mir und ändert von allein nicht das Geringste.
Carla legt nicht nach. Sie lässt die Frage einfach im Raum stehen, und der Raum wird still. Draußen fährt ein Stapler vorbei, das vertraute Piepen beim Rückwärtsfahren. Ich denke an Ralf. An die Sache mit den Lieferterminen, die zwischen unseren Bereichen seit dem Frühjahr im Nebel hängt. Ich warte seit Monaten darauf, dass jemand von oben uns an einen Tisch setzt. Ich warte, und ich erkläre, warum das Warten nicht meine Schuld ist.
Was liegt in meiner Hand? Die Antwort ist kleiner, als ich sie haben will. Ich könnte Ralf anrufen. Heute. Ohne Auftrag, ohne Mandat, ohne dass mir das jemand aufträgt.
Der Gedanke ist unbequem, weil er so einfach ist. Es gibt keine gute Ausrede, es nicht zu tun. Ich merke, wie ich innerlich schon wieder ausweiche: Erst müsste ich die Zahlen sortieren, erst müsste ich mir überlegen, wie ich es formuliere, erst müsste das Meeting mit der Geschäftsführung durch sein. Erst, erst, erst. Das ist die Sprache, in der bei mir das Wichtige stirbt.
Ich greife zum Telefon. Nicht später, jetzt, mit Carla im Raum. Mein Daumen zögert über Ralfs Nummer, so wie er immer zögert, wenn etwas in meine Verantwortung rutscht. Ich wähle trotzdem.
Er geht nach dem dritten Klingeln ran, überrascht. „Was ist passiert?“ „Nichts“, sage ich. „Ich wollte nur was klären, das zwischen uns seit Monaten liegt. Hast Du morgen früh zwanzig Minuten? Nur wir zwei, ohne Folien, ohne die große Runde. Ich fange an mit den Lieferterminen.“ Eine Pause. Dann, fast erleichtert: „Klar. Acht Uhr, mein Büro.“
Das war alles. Zwanzig Sekunden. Kein Konzept, keine Freigabe, keine Reform. Ein Anruf, den ich seit einem halben Jahr vor mir herschiebe und für den ich die ganze Zeit die Umstände verantwortlich gemacht habe.
Als ich auflege, sehe ich Carla an. Sie lächelt nicht triumphierend, sie nickt nur. „Wie fühlt sich das an?“ „Unspektakulär“, sage ich. „Und ehrlich.“ Ich habe nichts Großes bewegt. Aber ich stehe zum ersten Mal seit Monaten nicht mehr am Rand meines eigenen Problems und zeige darauf. Ich stehe mittendrin und habe etwas getan.
Der Termin am nächsten Morgen wird nicht alles lösen. Vielleicht wird es zäh, vielleicht kommt Ralf mit seiner eigenen Liste voller Gründe. Aber die Schnittstelle bewegt sich zum ersten Mal, weil ich sie bewege, ohne darauf zu warten, dass die Umstände sich vorher ändern.
Ich packe meine Sachen. Auf dem Flur ist es leer, die meisten sind schon weg. An der Wand hängt das Werteplakat, das wir vor Jahren aufgehängt haben, „Zusammenarbeit“ in großen Buchstaben. Ich bin oft daran vorbeigegangen und habe gedacht, die anderen müssten es endlich lesen. Heute gehe ich vorbei und denke: Ich hätte längst anfangen können. Das Werkzeug lag die ganze Zeit da. Was gefehlt hat, war meine Hand am Telefon.
Ganz am Anfang stand einmal die Frage nach dem Mist, den wir uns selbst erzählen. Ich habe ihn heute gehört, im dritten Anlauf, in einem Satz über die da oben. Veränderung fängt in dem Moment an, in dem aus dem Erkennen ein Tun wird. Alles andere ist die Geschichte, die ich mir erzähle, während alles bleibt, wie es ist.
