Energie durch Entwicklung
Führungsgeschichten

Eine Geschichte über den Mist, den wir uns selbst erzählen

Nach jedem Seminar dieselbe Leichtigkeit — und danach ändert sich wieder nichts. Eine Geschichte über den Mist, den wir uns selbst erzählen.

Victoria Beckers 5 Min. Lesezeit

Als ich am späten Nachmittag den Seminarraum verlasse, liegt in meiner Tasche schon wieder ein neuer Ordner.

Das Hotel steht am Rand der Stadt, eine gläserne Fassade, davor ein Parkplatz mit frisch gezogenen Linien, über den die Nachmittagssonne fällt. Ich gehe zu meinem Wagen und spüre diese Leichtigkeit, die ich nach jedem guten Seminar kenne. Zwei Tage „Schwierige Gespräche souverän führen“, eine Trainerin, die weiß, was sie tut. Ich habe mitgeschrieben, ich habe geübt, ich habe genickt, und in meinem Kopf leuchten die Modelle wie kleine Schilder: erst spiegeln, dann benennen, dann die Ich-Botschaft. Wertschätzend im Ton, klar in der Sache. Ich fühle mich vorbereitet wie lange nicht.

Als Abteilungsleiter in der Schadenregulierung habe ich ein Regal, auf das ich insgeheim stolz bin. Zertifikate in Klarsichthüllen, Methodenordner mit farbigen Registern, eine ganze Reihe an Rücken, auf denen Wörter wie Feedback, Konflikt, Führung stehen. Ich habe jedes Seminar besucht, das die Firma anbietet, und ein paar dazu auf eigene Rechnung. Wenn ich nicht weiterweiß, buche ich das nächste, und so halte ich es seit Jahren.

Im Auto sehe ich den Kalender. 17:00 Uhr, ein Termin, den ich selbst gelegt und dreimal verschoben habe: „Gespräch Frau Ternes.“ Petra Ternes ist seit vierzehn Jahren in meinem Team, eine gründliche Frau, auf die früher alle bauten. Seit dem Frühjahr baut sie ab. Vorgänge bleiben liegen, Fristen verfallen, zweimal musste ich hinter ihr aufräumen, ohne dass sie es merkte. Ich weiß seit Wochen, dass ich mit ihr reden muss, und seit Wochen finde ich einen Grund, warum heute der falsche Tag ist. Zu viel los. Zu heikel. Erst noch das Seminar, dann bin ich besser vorbereitet.

Heute ist es kein falscher Tag, sage ich mir. Heute habe ich zwei Ordner voller Techniken.

Ich fahre in die Firma, gehe in mein Büro und lege den neuen Ordner auf den Stapel. Um kurz vor fünf klopft Frau Ternes und setzt sich mir gegenüber. Ich habe mir die ersten Sätze zurechtgelegt, erst spiegeln, dann benennen. Dann sehe ich ihr Gesicht, müde um die Augen, ein Lächeln, das um Nachsicht bittet, und in diesem Moment löst sich alles auf, was zwei Tage lang so klar war.

„Frau Ternes“, sage ich, „ich wollte nur mal hören, wie es Ihnen so geht. Läuft alles?“

Sie sagt, es gehe schon, ein bisschen viel gerade, privat. Ich nicke, viel zu schnell. „Das kenne ich gut“, sage ich, „nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen.“ Ich höre mich reden und weiß dabei, dass ich am eigentlichen Gespräch vorbeirede. Die Ich-Botschaft liegt griffbereit in meinem Kopf, und ich spreche sie nicht aus. Stattdessen mache ich, was ich immer mache: Ich glätte, ich beruhige, ich lasse sie mit einem guten Gefühl gehen. Nach zwölf Minuten steht sie auf und bedankt sich für mein Verständnis. Ich lächle zurück. Nichts ist besprochen, nichts wird sich ändern, und für einen kurzen Moment fühle ich mich wie ein guter Chef, was das Schlimmste an der ganzen Sache ist.

Ich bleibe sitzen, und diesmal renne ich nicht sofort weiter. Ich frage mich zum ersten Mal ehrlich, warum das gerade wieder passiert ist. Es lag nicht an der Technik, die Technik war gut, ich konnte sie am Vormittag noch fehlerfrei aufsagen. Sie war nur weg, sobald es ernst wurde.

Und dann sehe ich es. In dem Moment, als Frau Ternes um Nachsicht lächelte, war da ein alter, leiser Satz in mir, älter als jeder Ordner im Regal: Ich muss gemocht werden. Wenn ich ihr wehtue, mag sie mich nicht mehr, also tue ich ihr nicht weh, also sage ich nichts Wahres. Dieser Satz gewinnt jedes Mal, ganz gleich, wie viele Seminare ich besuche. Ich habe jahrelang neue Führungswerkzeuge eingekaut und den einen Griff nie geändert, mit dem ich sie halte. Jeder Ordner im Regal ist ein Versuch, diesen Satz zu übertönen, und keiner von ihnen hat ihn je berührt.

Das Werkzeug war nie das Problem. Das Problem ist der Satz darunter.

Am nächsten Morgen komme ich früh, bevor das Büro mit Telefonen und Postfächern hochfährt. Ich bitte Frau Ternes noch einmal zu mir. Ich habe keinen neuen Ordner gelesen und keine Formulierung auswendig gelernt, ich habe mir nur eines vorgenommen: Ich gehe da anders hinein. Nicht als der, der gemocht werden muss. Als der, der für diese Frau verantwortlich ist und ihr die Wahrheit schuldet.

„Frau Ternes“, sage ich, „gestern habe ich Ihnen etwas erspart, und das war ein Fehler. Ihre Arbeit hat sich verändert seit dem Frühjahr, zweimal sind Fristen verfallen. Das sage ich Ihnen, weil mir an Ihnen liegt, und nicht, weil ich unzufrieden bin.“

Es ist still. Ihr Gesicht wird eng, und ich halte diesen Blick aus, den ich gestern gemieden habe. Dann sackt etwas in ihr zusammen. „Herr Brandt“, sagt sie leise, und dann fängt sie an zu erzählen. Von der Pflege ihrer Mutter, von den Nächten, von der Scham, es niemandem gesagt zu haben. Wir reden zwanzig Minuten. Am Ende steht kein gelöstes Problem, wir haben einen ersten Weg: eine Entlastung für vier Wochen und einen festen Termin in vierzehn Tagen. Sie geht mit feuchten Augen, und zum ersten Mal seit Monaten fühlt sich etwas an wie ein Anfang.

Ich sitze danach an meinem Schreibtisch und schaue auf das Regal mit meinen Schulungsunterlagen. All die Zertifikate, all die Methoden. Sie waren nie falsch, sie lagen nur eine Etage zu hoch. Die Veränderung, die ich in tausend Seminarstunden gesucht habe, hat gestern eine Etage tiefer begonnen, an dem Satz, den ich mir selbst erzähle.

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