Eine Geschichte über gelebte Kultur
Sechs Werte in großen Buchstaben an der Wand im Foyer, drei Monate nach der Kampagne. Eine Geschichte über den Unterschied zwischen Image und gelebter Kultur.
Im Foyer bleibe ich stehen und sehe die neue Wand an. Sechs Begriffe, weiß auf blau, in großen Buchstaben. Vertrauen. Offenheit. Respekt. Ich habe den Kaffee in der Hand und bin ein bisschen stolz.
Drei Monate ist die Kampagne jetzt her. Wir haben eine Agentur geholt, zwei Workshops gemacht, jeder im Haus hat ein Kärtchen für den Schreibtisch bekommen. Als Geschäftsführer von Lindmann Kunststofftechnik wollte ich, dass sich etwas ändert. Zweihundertvierzig Leute, drei Schichten, ein Ton, der über die Jahre rauer geworden ist. Die Poster sollten der Anfang sein.
Heute, an einem nassen Dienstag im März, gehe ich an der Wand vorbei und spüre nichts davon. In der Produktion läuft es wie immer. In den Meetings redet, wer schon immer redet. Am Kaffeeautomaten höre ich denselben Satz wie vor der Kampagne: „Sag oben lieber nichts, das bringt eh nichts.“ Die Begriffe hängen an der Wand. Im Haus sind sie nicht zu spüren.
Vergangene Woche stand ein verärgerter Kunde vor der Tür, eine Reklamation über eine ganze Charge. Ich habe der Vertriebsleiterin gesagt, sie solle die Sache vorerst für sich behalten, bis wir eine saubere Antwort haben. Offenheit, zwei Türen weiter, weiß auf blau. Damals ist mir das nicht einmal aufgefallen.
Um zehn sitze ich in der Produktionsrunde, acht Leute, der übliche Kreis. Wir gehen die Zahlen durch, die Ausschussquote an Anlage vier ist wieder zu hoch. Ich bin mit dem Kopf schon halb beim nächsten Termin, als sich Melanie meldet, eine junge Schichtführerin, seit einem Jahr im Haus. Vorsichtig sagt sie, das Problem liege ihrer Meinung nach an der Umrüstzeit, weniger an den Leuten an der Anlage.
Ich unterbreche sie. „Melanie, das haben wir geprüft. Lass uns bei den Fakten bleiben.“ Es klingt schärfer, als ich will. Sie wird rot, nickt, schaut auf ihren Block. Der Raum ist für einen Moment still. Ich rede weiter, verteile Aufgaben, schließe die Runde. Um Viertel vor elf bin ich schon im nächsten Meeting und habe die Sache vergessen.
Am Nachmittag klopft Jonas an meine Tür, ein junger Prozessplaner, der vorhin mit im Raum saß. Er bringt mir die ausgedruckten Zahlen und bleibt in der Tür stehen. „Darf ich kurz was sagen?“ Ich nicke. Er ringt sichtlich mit sich. „Vorhin, bei Melanie. Auf dem Poster im Foyer steht Offenheit. Und hier fragt sich trotzdem jeder zweimal, ob er den Mund aufmacht.“ Dann legt er die Blätter auf den Tisch und ist auch schon wieder draußen.
Ich bleibe sitzen. Der Satz liegt schwer im Raum. Ich denke an die Wand, an Offenheit in großen Buchstaben, und an mich vor zwei Stunden, wie ich Melanie mit einem Halbsatz abfertigte. Zum ersten Mal sehe ich es klar: Die Kampagne war nie das Problem. Das Problem sitzt auf meinem Stuhl. Ich habe Poster aufhängen lassen und selbst weitergemacht wie immer. Die Leute lesen nicht die Wand. Sie lesen mich.
Ich hole mir die letzten Monate ins Gedächtnis. Die zwei Workshops, in denen ich als Erster geredet habe. Die Kärtchen, die ich verteilt habe, ohne mein eigenes je in die Hand zu nehmen. Ich habe Kultur als Projekt behandelt, mit Budget, Agentur und einem Termin im Kalender. Und die ganze Zeit war ich selbst das lauteste Signal im Haus, jeden Tag, in jeder Runde.
Am Abend fahre ich nach Hause und weiß, dass kein weiterer Workshop das ändert. Ändern kann es nur eine Sache, die ich morgen anders mache.
Am nächsten Tag nehme ich mir eine einzige Gewohnheit vor. In jeder Runde halte ich mit meiner Meinung zurück, bis alle anderen gesprochen haben. Keine große Ansage, nur diese eine Regel für mich.
Es fällt mir schwer. In der Freitagsrunde juckt es mich, sofort die Lösung auf den Tisch zu legen. Ich beiße mich fest und stelle stattdessen eine Frage. Dann gehe ich zu Melanie. „Deine Idee von Dienstag, die Umrüstzeit. Kannst Du die einmal in Ruhe erklären? Ich war zu schnell.“ Sie schaut mich kurz an, dann erklärt sie ihren Gedanken, ruhig und genau. Wir setzen einen Test an Anlage vier an. Zwei Wochen später ist die Ausschussquote messbar gesunken.
Das Erste, was sich verändert, ist nicht die Zahl. Es ist der Ton. In der nächsten Runde meldet sich jemand, der monatelang geschwiegen hat. In der übernächsten diskutieren wir länger als geplant, weil auf einmal drei Leute mitdenken, von denen ich lange nichts gehört habe. Es spricht sich herum, dass der Chef zuerst fragt und erst danach urteilt. Langsam, Schicht für Schicht, wird die Luft im Haus eine andere. In der Kantine setzt sich neulich ein Meister zu mir und sagt geradeheraus, was ihn an der Übergabe zur Nachtschicht stört. Früher hätte er das für sich behalten.
Das Poster im Foyer hängt noch, dieselben sechs Begriffe. Nur meinen sie jetzt etwas. Der Grund steht nicht an der Wand. Er sitzt in jeder Runde, in der ich den Mund halte, bis die anderen geredet haben, und in jeder Reklamation, die ich offen auf den Tisch lege, statt sie zu decken.
Kultur entsteht nicht aus schönen Begriffen auf einem Poster. Sie entsteht aus dem, was ich als Führungskraft jeden Tag vormache, im kleinsten Moment, wenn keiner ein Poster braucht, um zu sehen, was hier gilt. Kultur ist die Summe dessen, was Führung vorlebt, nicht was auf dem Plakat steht.
