Eine Geschichte über Verletzlichkeit
Eine Frage im Besprechungsraum, auf die ihr die Antwort fehlt. Eine Geschichte über Verletzlichkeit in der Führung und darüber, warum zugegebenes Nichtwissen stärkt.
Die Frage, für die mir die Antwort fehlt, kommt an einem ganz gewöhnlichen Dienstag auf den Tisch.
Wir sitzen zu fünft im kleinen Besprechungsraum im zweiten Stock. Es riecht nach kaltem Kaffee, und die Heizung läuft wie immer eine Spur zu warm. Vor mir liegt mein Notizbuch, daneben das Telefon mit dem Display nach unten. Seit drei Jahren leite ich dieses Team, vier Entwicklerinnen und Entwickler bei einer mittelgroßen Softwarefirma, und die meisten Dienstage laufen ruhig. Wir gehen die offenen Aufgaben durch, verteilen, klären, gehen wieder auseinander. Ich mag diese Runden, weil ich in ihnen selten überrascht werde.
Dann meldet sich Sarah, unsere jüngste Kollegin, und stellt eine Frage, die diese entspannte Harmonie stört: „Der Kunde will die alte Schnittstelle bis zum Herbst ablösen. Wie gehen wir das an, ohne dass die laufenden Buchungen abreißen?“
Alle Köpfe drehen sich zu mir.
Und in diesem Moment weiß ich es einfach nicht.
Ich kenne das System, ich kenne die alte Schnittstelle in- und auswendig. Aber den sauberen Weg von der alten zur neuen Lösung habe ich nicht im Kopf. Drei Wege sind denkbar, und jeder hat eine Stelle, an der es teuer oder riskant wird. Ich merke, dass mir das Blut in den Kopf steigt und ein alter Gedanke hochkommt, den ich seit Jahren kenne: „Du bist Führungskraft, Du musst das wissen.“
Ich höre mich reden. Ich stelle eine Rückfrage, um Zeit zu gewinnen. „Wie groß ist denn das Datenvolumen im Herbst?“ Sarah antwortet ruhig, und ihre Antwort schließt einen meiner drei Wege gleich wieder. Ich nicke, als hätte ich das kommen sehen. Michael hakt nach. „Und wenn wir beide Systeme eine Weile parallel fahren, wer testet das ab?“ Ich sage etwas Allgemeines über sauberes Vorgehen und Schritt für Schritt, und ich merke selbst, wie dünn das klingt. Meine Sätze werden kürzer. Zwischen zwei von ihnen entsteht eine Pause, die zu lang ist. Jemand klickt mit dem Kugelschreiber.
Innerlich läuft ein zweiter Satz mit: heute fliegst Du auf.
Mein erster Impuls ist der vertraute. Bloß nichts anmerken lassen. Ich denke schon daran, das Thema zu vertagen, mir die Antwort über Nacht in Ruhe zu besorgen und morgen so aufzutreten, als hätte ich sie die ganze Zeit gehabt. Oder ich bitte Michael hinterher unter vier Augen, mir einen Vorschlag zu bauen, und stelle ihn dann als meine Linie vor. Diesen Weg kenne ich gut. Ich bin ihn oft gegangen, und jedes Mal ging es gerade so gut.
Ich schaue in die Runde. Vier Gesichter, die warten. Und mir wird klar, dass sie längst spüren, dass ich hier keinen fertigen Plan habe. Das Verstecken kostet mich in diesem Moment mehr Kraft als die Frage selbst. Ich bin seit drei Jahren damit beschäftigt, eine Sicherheit zu spielen, die ich nicht immer habe, und ich bin es müde.
Also lege ich den Stift weg und sage den Satz, der mir schwerfällt. „Ehrlich gesagt kenne ich den idealen Weg hier selbst noch nicht. Ich sehe drei Möglichkeiten, und bei jeder habe ich einen Zweifel. Lasst uns das zusammen anschauen.“
Für einen Moment ist es still. Ich rechne mit Enttäuschung, vielleicht mit diesem kurzen Blick, den Leute tauschen, wenn der Chef gerade wackelt.
Stattdessen passiert etwas anderes. Michael steht auf, nimmt den Stift vom Whiteboard und malt die drei Wege nebeneinander. Sarah nennt für den ersten sofort ein Risiko, das ich nicht auf dem Schirm hatte, und Michael zeichnet einen Pfeil dazu. Tobias, der sonst wenig sagt, lehnt sich vor und rechnet die Testphase laut durch. Zwei andere ergänzen, was der Kunde im letzten Projekt gebraucht hat. Auf einmal reden sie miteinander, quer über den Tisch, und ich stehe daneben und höre zu. Ich gehe ans Whiteboard und schreibe die offenen Fragen dazu, statt Antworten zu erfinden. Aus der Runde, die eben noch auf mein Wort wartete, wird ein Team, das denkt. Es ist lauter im Raum als vorhin, und zum ersten Mal an diesem Morgen bin ich ruhig.
Nach vierzig Minuten steht kein fertiger Plan an der Wand. Es steht ein erster Weg, mit drei klaren Aufgaben und einem nächsten Termin am Freitag. Das ist mehr, als ich allein über Nacht zusammenbekommen hätte, und es gehört uns allen.
Als die anderen gehen, bleibt Sarah kurz in der Tür stehen. „Gut, dass Du das so offen gesagt hast“, meint sie. „Da traut man sich selbst eher, laut zu denken.“ Ich nicke und merke, dass mein Rücken lockerer ist als eine Stunde zuvor.
Später am Schreibtisch gehe ich den Moment noch einmal durch. Lange habe ich geglaubt, meine Rolle hänge daran, immer die Antwort parat zu haben. Heute habe ich zugegeben, dass ich sie nicht hatte, und das Team ist näher an eine Lösung gekommen als je zuvor bei so einer Frage. Das Nichtwissen war die Tür. Ich musste sie nur aufmachen, statt mich mit dem Rücken dagegenzustemmen.
Verletzlichkeit heißt nicht, schwach dazustehen. Sie heißt, eine Lücke offen zu benennen, damit andere sie mit mir füllen. Der alte Satz, ich müsse als Führungskraft alles wissen, hat mich lange klein gehalten. Heute weiß ich: Stärke zeigt sich auch in dem ruhigen Satz, dass ich etwas noch nicht weiß.
