Energie durch Entwicklung
Führungsgeschichten

Eine Geschichte über Selbstwirksamkeit

19:40 Uhr, der Rechner zu, der Tag randvoll — und nichts davon geblieben. Eine Geschichte über Selbstwirksamkeit und den Unterschied zwischen Betrieb und Wirkung.

Victoria Beckers 3 Min. Lesezeit

Es ist 19:40 Uhr, als ich den Rechner zuklappe, und ich könnte Dir nicht sagen, was ich heute geschafft habe.

Der Parkplatz vor der Halle ist fast leer. Mein Wagen steht unter der einen Laterne, die flackert, seit ich hier angefangen habe. Ich sitze hinter dem Lenkrad, den Schlüssel in der Hand, und rühre mich nicht. Draußen Novemberniesel, innen dieses vertraute Gefühl, das schwerer ist als Müdigkeit. Elf Stunden war ich in Bewegung und fühle mich, als hätte ich den ganzen Tag einen schweren Sack durch die Halle getragen und am selben Fleck wieder abgestellt.

Ich gehe den Tag durch. Neun Termine. Ein Eskalations-Call mit dem Werk in Polen, zwei Bewerbungsgespräche, ein Jour fixe, der sich um vierzig Minuten überzog. Dazwischen das Dauerfeuer aus Chat und Postfach, Fragen, die ich beantwortet habe, während ich in den nächsten Raum lief. Ich habe gelöscht, geschlichtet, freigegeben, beruhigt. Meine Schrittzahl sieht aus wie nach einer Wanderung. Meine Wirkung sieht aus wie nichts.

Als Bereichsleiterin Logistik dachte ich lange, mein Wert bemesse sich daran, wie viele Bälle ich gleichzeitig in der Luft halte. Je voller der Kalender, desto wichtiger die Person. So habe ich es gelernt. So halte ich es seit Jahren. Und genau deshalb sitze ich abends öfter hier: leer, ohne dass ich sagen könnte, wovon.

Mein Blick fällt auf den Notizblock auf dem Beifahrersitz. Ganz oben, seit Wochen, derselbe Satz in meiner Handschrift: „Konzept Nachtlogistik überarbeiten.“ Die eine Sache, die unseren Bereich in einem Jahr anders aussehen ließe. Die eine Sache, für die ich nie Zeit finde, weil das Dringende jeden Tag das Wichtige auffrisst.

Ich denke an Regina, die mich vor zwölf Jahren eingearbeitet hat. Eine ruhige Frau mit einer Art, Dinge zu sagen, die erst später ihren vollen Sinn entfalten. „Andrea“, hat sie einmal gemeint, als ich stolz von einem Tag voller Termine erzählte, „viel getan ist nicht viel bewegt. Frag Dich abends nicht, wie voll der Tag war. Frag Dich, was jetzt anders ist.“ Damals fand ich den Satz klug und habe ihn weggelegt. Heute Abend sitzt er wie ein Stein in meiner Hand. Schwer und nützlich.

Was ist heute anders als gestern? Ich suche eine ehrliche Antwort und finde keine. Ich habe den Betrieb am Laufen gehalten. Ich habe nichts nach vorne gebracht.

Am nächsten Morgen komme ich vor allen anderen in die Firma. In der Halle ist es noch still, nur die Ladegeräte der Stapler summen. Ich mache etwas, das sich fast verboten anfühlt. Ich blocke die Zeit von sechs bis halb acht in meinem Kalender. Kein Titel, der einladend klingt, nur zwei Worte: „Nachtlogistik. Ungestört.“ Ich schalte die Benachrichtigungen aus. Mein Daumen zögert über dem Schalter, als würde ich gleich etwas Wichtiges verpassen. Ich schalte trotzdem aus.

Neunzig Minuten. Ich rechne, ich skizziere, ich verwerfe. Zweimal will ich aufspringen, weil mir einfällt, wem ich noch antworten müsste. Ich bleibe sitzen. Um halb acht steht kein fertiges Konzept auf dem Papier. Es steht ein erster Weg, den es gestern noch nicht gab. Eine Struktur, drei offene Fragen, ein nächster Schritt, den ich benennen kann.

Als Marek, mein Schichtleiter, um acht hereinkommt, drehe ich den Monitor zu ihm. „Schau mal. Grob, aber es hat eine Richtung. Ich brauche Deinen Blick auf die Übergabezeiten.“ Er zieht die Augenbrauen hoch, setzt sich, liest. „Das hast Du heute Nacht gemacht?“ „Heute früh. Neunzig Minuten, bevor das Telefon anfing.“ Er nickt langsam. „Da müssen wir dran bleiben.“ Genau. Dran bleiben. Zum ersten Mal seit Wochen fühlt sich etwas an wie ein Anfang und nicht wie ein weiterer Kreis.

Der Rest des Tages läuft nicht ruhiger. Wieder Chats, wieder E-Mails, wieder ein Feuer nach dem anderen, das es im Werk zu löschen gilt. Aber am Abend, als ich den Rechner zuklappe, ist der Satz auf meinem Block durchgestrichen und ein neuer steht darunter. Ich sitze wieder im Auto unter der flackernden Laterne. Diesmal weiß ich, was heute anders ist als gestern.

Selbstwirksamkeit kommt nicht aus einem vollen Tag. Sie kommt aus dem einen Moment, in dem ich das Dringende warten lasse, damit das Wichtige entstehen kann. Nicht die Zahl der Termine zählt. Es zählt die Spur, die am Abend übrig bleibt.

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