Eine Geschichte über Selbstvertrauen
Das dritte Gutachten in einem Monat, noch nicht einmal aufgeschlagen. Eine Geschichte über Selbstvertrauen — und darüber, wann Sorgfalt heimlich zu Angst wird.
Das dritte Gutachten in diesem Monat liegt auf meinem Schreibtisch, und ich habe es noch nicht einmal aufgeschlagen.
Draußen wird es hell über dem Werkshof. Ich höre die erste Schicht anlaufen, das Rolltor, den Stapler, das Piepen beim Rückwärtsfahren. In meinem Büro ist es still. Vor mir liegen zweiundvierzig Seiten, sauber gebunden, mit Diagrammen und einer Empfehlung am Ende, die ich schon kenne, bevor ich sie lese. Die neue Fertigungslinie rechnet sich. Sie rechnet sich seit dem ersten Gutachten im Frühjahr.
Ich blättere trotzdem noch einmal von vorne durch. Vielleicht steht diesmal der eine Satz darin, der mir die letzte Sicherheit gibt. Der Satz, nach dem ich unterschreibe, ohne dass ich nachts Bauchschmerzen habe.
Seit Wochen läuft das so. Ein Angebot des Anlagenbauers liegt in der Schublade, gültig bis Ende des Monats. Eine Förderung könnten wir mitnehmen, wenn der Antrag bis zum Fünfzehnten raus ist. Zwei große Kunden fragen an, ob wir die Stückzahlen ab dem Herbst liefern können. Alles zeigt in dieselbe Richtung und trotzdem hole ich mir ein weiteres Gutachten.
Ich bin Geschäftsführer eines Maschinenbauers mit rund zweihundert Leuten. Mein Vater hat die Firma aufgebaut, ich führe sie seit sechs Jahren. Nach außen wirke ich, glaube ich, ruhig und überlegt. Nach innen kenne ich einen anderen Satz, der mich begleitet, seit ich denken kann: dass ich noch nicht genug weiß, um zu entscheiden. Dass irgendwo eine Zahl fehlt, ein Detail, eine Absicherung. Also frage ich nach. Einmal, zweimal, dreimal, bis mir jemand die Gewissheit gibt, die ich selbst nicht habe.
Vergangene Woche habe ich einen befreundeten Geschäftsführer angerufen, nur um zu hören, wie er es machen würde. Ich habe unseren kaufmännischen Leiter gebeten, die Kalkulation ein weiteres Mal durchzurechnen, obwohl sie zweimal gestimmt hat. Jeder sagt mir, es passt. Und jeden Morgen finde ich einen neuen Grund, warum ich noch warten sollte.
Am Nachmittag kommt Konrad vorbei. Er sitzt seit Jahren in unserem Beirat, ein alter Unternehmer, der seine eigene Firma längst übergeben hat. Er redet wenig und hört gut zu. Ich schätze das an ihm, auch wenn es manchmal unbequem ist. Wir setzen uns an den kleinen Tisch am Fenster. Ich schiebe ihm das Gutachten hin und erzähle von der Linie, von den Kunden, von der Förderung. Ich rede schneller, als ich müsste. Konrad blättert, überfliegt die letzte Seite, legt die Mappe zur Seite. Der Kaffee zwischen uns wird kalt.
„Und?“, frage ich. „Wie siehst Du das?“
Er lehnt sich zurück. „Das ist das dritte, oder?“
„Das dritte, ja.“
„Und alle drei sagen dasselbe.“
„Im Kern schon.“ Ich merke, wie ich zögere. „Ich will nur sichergehen.“
Konrad nickt langsam. Dann stellt er die Frage, ruhig, fast beiläufig, als frage er nach dem Weg. „Sicherst Du die Entscheidung ab oder Dich?“
Ich will sofort antworten und finde nichts. Der Satz steht im Raum und lässt sich nicht wegschieben. Ich höre draußen den Stapler, das Rolltor, und in mir ist es auf einmal ganz leise.
Denn er hat recht. Die Zahlen sind längst da. Was fehlt, ist keine weitere Zahl. Was fehlt, ist mein Vertrauen, dass mein Urteil reicht. Ich habe drei Gutachten bestellt, damit im Zweifel jemand anderes gesagt hat, was ich hätte sagen müssen. Ich habe die Verantwortung verteilt, bis kaum noch etwas von ihr bei mir lag. Und ich habe das monatelang für Sorgfalt gehalten.
„Ich glaube, ich sichere mich ab“, sage ich schließlich.
Konrad lächelt kaum sichtbar. „Das dachte ich mir. Weißt Du, ein viertes Gutachten sagt Dir dasselbe wie die ersten drei. Nur ist dann das Angebot abgelaufen.“ Er steht auf, klopft mir im Vorbeigehen kurz auf die Schulter. „Du kennst diese Firma besser als jeder Gutachter. Trau Dir das zu.“
An dem Abend bleibe ich länger. Ich lege die drei Mappen übereinander und schiebe sie an den Rand des Tisches. Ich hole das Angebot aus der Schublade, lese es ein letztes Mal, und diesmal suche ich keinen Satz, der mich rettet. Ich prüfe, was ich weiß. Die Auslastung der letzten drei Jahre, die Zusagen der beiden Kunden, die Kosten, die Halle, in der die Linie stehen soll. Ich weiß, wie diese Firma arbeitet, ich stehe seit sechs Jahren jeden Morgen darin. Dann das Risiko, das bleibt. Es bleibt ein Rest Unsicherheit, und er wird bleiben, egal wie viele Seiten ich noch lese.
Ich unterschreibe. Ich stelle den Förderantrag fertig und lege ihn für den Postausgang bereit. Dann schreibe ich eine kurze Nachricht an den Anlagenbauer, dass wir die Linie bestellen.
Am nächsten Morgen sage ich es der Führungsrunde. Keine langen Erklärungen, kein Gutachten, das ich vorschiebe. „Wir bauen die neue Linie. Ich habe es entschieden, und ich stehe dafür ein.“ Es ist still für einen Moment, dann nickt mein Produktionsleiter und fängt an, Fragen zu stellen, die nach vorne gehen. Zum ersten Mal seit Wochen reden wir über die Linie selbst, über Termine und Übergaben, weil die Frage, ob ich mich traue, vom Tisch ist.
Sicherheit von außen wird es nie ganz geben. Es gibt kein Gutachten, das die letzte Gewissheit liefert, und keine Zahl, hinter der die Angst verschwindet. Irgendwann ist der Punkt da, an dem ich meinem eigenen Urteil glauben muss, mit dem Rest Unsicherheit, der dazugehört. Entscheiden heißt, diesen Rest auszuhalten und trotzdem den eigenen Namen daruntersetzen.
