Energie durch Entwicklung
Führungsgeschichten

Eine Geschichte über Selbstmitgefühl

Eine falsche Zahl im Quartalsbericht — und sofort meldet sich der innere Ankläger. Eine Geschichte über Selbstmitgefühl und darüber, was Härte gegen sich selbst wirklich kostet.

Victoria Beckers 4 Min. Lesezeit

Die Mail von Frau Ahrend ploppt auf, und in derselben Sekunde weiß ich, was passiert ist.

„Liebe Frau Kessler, eine kurze Rückfrage zum Q2-Report: Die Reichweite von 1,2 Millionen, stimmt die Zahl? In der Präsentation letzte Woche standen 820.000.“

Ich öffne die Datei, die gestern Abend an den Kunden ging. Ich scrolle zur ersten Seite. Da steht sie, groß und fett, direkt unter unserem Logo. 1,2 Millionen. Ich habe die Vorlage aus dem Quartal davor kopiert und eine Tabelle vergessen zu aktualisieren. Der Report ist raus, gesehen von vier Leuten auf Kundenseite, und die zentrale Zahl ist falsch.

Mein Magen zieht sich zusammen. Ich schreibe sofort zurück, korrigiere die Zahl, entschuldige mich, hänge die richtige Fassung an. Frau Ahrend antwortet freundlich, halb so schlimm, danke für die schnelle Klärung. Nach außen ist die Sache in elf Minuten erledigt.

Nach innen fängt sie da erst an.

Als Projektleiterin in einer Digitalagentur sitze ich den Rest des Nachmittags in Terminen, und die ganze Zeit läuft in mir derselbe Film. „Das hättest Du sehen müssen. Du prüfst doch sonst alles zweimal. Wie kann Dir ausgerechnet die Titelzahl durchrutschen.“ Ich sitze im Statusmeeting mit dem Entwicklungsteam, nicke an den richtigen Stellen, und innerlich stehe ich vor einem Gericht, in dem ich Angeklagte und Richterin zugleich bin. Das Urteil steht schon fest.

Zwischen zwei Terminen öffne ich den Report noch dreimal, obwohl die falsche Version längst ersetzt ist. Ich suche nach weiteren Fehlern, finde keine, und glaube mir selbst nicht. Eine Kollegin fragt mich im Vorbeigehen, ob alles in Ordnung sei. Ja, alles gut, sage ich, und höre, wie dünn das klingt. Der Nachmittag läuft weiter, die Termine, die Mails, das ganz normale Geschäft. In mir läuft ein Parallelprogramm, das niemand sieht, und es kostet mich mehr Kraft als der ganze Rest des Tages.

Um Viertel nach drei präsentiere ich einem anderen Kunden das Konzept für seine neue Kampagne. Ich kenne die Folien auswendig, die Argumente sitzen, der Kunde nickt. Und während ich rede, hängt in einer Ecke meines Kopfes die falsche Zahl von heute Morgen und flüstert mir zu, dass ich unzuverlässig bin. Ich lächle, ich schließe den Termin sauber ab, und kaum bin ich aus dem Raum, ist der Vorwurf wieder ganz nah. So läuft das seit Jahren: Ein Fehler wiegt bei mir schwerer als zehn Dinge, die gut gehen.

Gegen halb fünf hole ich mir einen Kaffee in der kleinen Küche neben dem Großraum. Nadja steht schon da, meine Kollegin aus der Beratung, seit Jahren im Haus. Sie sieht mich an und stellt ihre Tasse ab. „Du guckst, als hätte jemand Deinen Hund überfahren. Was ist los?“

Ich erzähle es ihr. Die falsche Zahl, der Report, der schon beim Kunden liegt. Ich höre mich selbst und merke, wie hart mein eigener Ton ist. Ich rechne mit einem „Oh je“ oder einem mitfühlenden Zusammenzucken.

Nadja lacht kurz, ohne Spott. „Ach, die alte Vorlagenfalle. Die hat mich letztes Jahr im Geschäftsbericht erwischt, mit einer falschen Umsatzzahl auf Seite eins. Beim Vorstand.“ Sie trinkt einen Schluck. „Du hast es in einer Viertelstunde geradegezogen, der Kunde ist zufrieden. Wo genau ist das Problem?“

„Ich hätte es sehen müssen“, sage ich.

„Klar hättest Du das. Und beim nächsten Mal siehst Du es, weil Du jetzt weißt, wo die Falle liegt.“ Sie sagt es so ruhig, als spräche sie über das Wetter. „Du bist doch keine schlechtere Projektleiterin, weil Du einmal die falsche Datei erwischt hast.“ Sie schaut mich an, bis ich den Blick hebe. „Gib Dir dieselbe Runde Nachsicht, die Du jedem im Team geben würdest.“

Ich gehe zurück an meinen Platz, und der Satz bleibt bei mir. Keine schlechtere Projektleiterin. Ich merke plötzlich den Unterschied. Wäre Nadja mit diesem Fehler zu mir gekommen, hätte ich genau das Gleiche gesagt wie sie. Ich hätte sie beruhigt, den Fehler eingeordnet, ihr den nächsten Schritt gezeigt. Ich wäre warm und klar gewesen.

Mit mir selbst rede ich anders. Mit mir rede ich wie mit einer Angeklagten, der ich nichts durchgehen lasse.

Ich nehme mir einen Zettel und schreibe zwei Zeilen, wie ich sie einer Kollegin schreiben würde. „Dir ist eine Vorlage durchgerutscht. Du hast sie in elf Minuten korrigiert. Bau Dir einen Prüfschritt für Titelzahlen, dann ist gut.“ Ich lese es und atme das erste Mal seit Stunden ruhig.

Das macht den Fehler nicht kleiner. Die Zahl war falsch, sie ging raus, das gehört benannt. Es ändert nur, wer da mit mir spricht, während ich es geradeziehe. Eine gnadenlose Richterin bringt mich keinen Schritt weiter. Ein guter Kollege schon.

Am Abend, als ich den Rechner zuklappe, ist der Prüfschritt notiert und das innere Gericht vertagt. Ich denke daran, wie selbstverständlich ich Nachsicht verteile, an jeden im Team, nur nicht an mich. Dabei brauche ich sie an den Tagen, an denen ich Fehler mache, am dringendsten.

Selbstmitgefühl heißt nicht, sich Fehler schönzureden. Es heißt, bei einem Fehler an der eigenen Seite zu bleiben. Wer sich nach einem Fehler stundenlang zerlegt, verliert zweimal: einmal die Zahl und einmal die Kraft, es beim nächsten Mal besser zu machen. Wer mit sich redet wie mit einem guten Kollegen, korrigiert den Fehler und bleibt bei sich.

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