Eine Geschichte über Grenzen setzen und Nein sagen
Fünf Vormittage in Folge dieselbe Frage, fünfmal Ja gesagt. Eine Geschichte über Grenzen setzen und Nein sagen, ohne zum Bremsklotz zu werden.
„Kannst Du das übernehmen?“ Fünf Vormittage in Folge lautet die erste Frage an mich gleich, und fünfmal habe ich Ja gesagt, obwohl mein Kalender längst überläuft.
Es ist Donnerstag, kurz nach acht, und ich stehe im Flur des dritten Stocks mit einem Kaffee, der schon kalt wird, während ich ihn noch trage. Als Abteilungsleiter im Bauamt kenne ich jeden hier, und jeder hier weiß, dass er bei mir landen darf. Die Sonderauswertung für den Stadtrat, die eigentlich in die Kämmerei gehört. Die Schlichtung zwischen zwei Sachgebieten, die eigentlich die Sachgebietsleitungen selbst führen müssten. Der Vortrag im Ausschuss, den eigentlich mein Kollege zugesagt hatte. Alles liegt bei mir, weil ich fünfmal genickt habe.
Nicole, die mir seit Jahren den Rücken freihält, legt mir einen weiteren Zettel hin. „Herr Vogt fragt, ob Sie im Quartierprojekt die Federführung übernehmen. Er sagt, ohne Sie wird das nichts.“ Sie sagt es freundlich, aber ich höre die Warnung darunter. „Herr Reineke, wo soll das eigentlich noch hin?“
Gute Frage. Ich weiß, wo es hingeht. Es geht dahin, dass ich abends als Letzter das Licht ausmache und morgens als Erster die Mails aufmache, die über Nacht gekommen sind. Es geht dahin, dass ich das Gefühl mit nach Hause nehme, viel getan und wenig entschieden zu haben. Meine Frau nennt es inzwischen beim Namen. „Du bist der Bad Guy, wenn Du Nein sagst“, hat sie neulich gemeint, „und der Depp, wenn Du Ja sagst. Aber nur eins davon macht Dich kaputt.“
Ich weiß, warum ich nicke. Ich nicke, weil ein Nein für einen Moment unbeliebt macht, und Unbeliebtsein fühlt sich für mich an wie Versagen. Also schlucke ich das Nein und trage die Last, damit alle zufrieden bleiben. Alle außer mir.
Am Nachmittag sitze ich vor dem Quartierprojekt. Ein gutes Vorhaben, ohne Frage. Und ich merke, wie meine Hand schon zur Zusage greift, wie immer. Diesmal halte ich inne. Ich nehme ein Blatt und schreibe zwei Spalten. Links: Was gehört zwingend auf meinen Tisch, weil nur ich es entscheiden kann? Rechts: Was habe ich übernommen, weil ich nicht Nein sagen konnte? Die rechte Spalte füllt sich schneller. Sie ist doppelt so lang.
Der Anblick tut weh und macht zugleich etwas klar. Jedes unüberlegte Ja an eine Sache, die ein anderer besser oder ebenso gut könnte, ist ein Nein an die Dinge, für die es mich braucht. Ich habe meine Grenze verkauft, um gemocht zu werden, und dabei genau das verloren, wofür man mich einmal geholt hat.
Am Freitag gehe ich zu Herrn Vogt. Mein Herz klopft, als wäre ich zum Rapport bestellt, dabei bin ich der Abteilungsleiter. „Zum Quartierprojekt“, sage ich. „Ich habe es mir angesehen. Es ist wichtig, und deshalb verdient es jemanden, der wirklich Zeit dafür hat. Das bin ich gerade nicht. Ich schlage vor, Frau Aydin führt es, sie brennt für das Thema, und ich stehe für die zwei, drei kritischen Entscheidungen bereit.“
Er schaut mich an, einen Moment zu lang. Ich halte den Blick aus. Ich spüre den alten Drang, sofort nachzuschieben, das Nein weichzuspülen, doch noch irgendwie Ja zu sagen. Ich sage nichts mehr. Ich lasse den Satz stehen.
„Hm“, macht er schließlich. „Schade. Aber ehrlich. Und Aydin ist keine schlechte Idee.“ Das war alles. Kein Donner, kein Liebesentzug. Nur ein Mensch, der eine klare Antwort bekommen hat und damit weiterarbeiten kann.
Auf dem Weg zurück fühlt sich mein Brustkorb leichter an und mein Schritt fester. Nichts Dramatisches hat sich verändert, und doch alles. Ich habe eine Grenze eingehalten, ohne einen Streit anzufangen. Ich war klar, ohne kalt zu werden.
Nachmittags kommt wieder jemand mit einem „Kannst Du das übernehmen?“. Ich höre zu, ich prüfe kurz meine zwei Spalten im Kopf. Dann sage ich: „Nein, das kann ich diese Woche nicht seriös leisten. Sprich mit der Kämmerei, dort gehört es hin. Wenn es klemmt, komm wieder zu mir.“ Es fühlt sich immer noch ungewohnt an. Es fühlt sich zum ersten Mal seit langem auch richtig an.
Grenzen setzen heißt nicht, hart zu werden. Es heißt, ehrlich zu sein über das, was ich leisten kann, damit die wichtigen Dinge die Kraft bekommen, die sie brauchen. Jedes klare Nein an das Falsche ist ein Ja an das Richtige.
