Energie durch Entwicklung
Führungsgeschichten

Eine Geschichte über Gerechtigkeit

„Wir wissen nicht mehr, nach welchen Regeln hier entschieden wird.“ Eine Geschichte über Gerechtigkeit in der Führung und über den Schutz vor Willkür.

Victoria Beckers 3 Min. Lesezeit

Es beginnt mit einem Satz, der eigentlich nur beiläufig gemeint ist.

„Kathi, ehrlich? Wir wissen nicht mehr, nach welchen Regeln hier entschieden wird.“

Gesagt von Jana, Teamleitung im Service, nach einem Führungskreis. Sie steht noch im Flur, Jacke halb an, Blick offen, nicht vorwurfsvoll. Und gerade deshalb trifft es.

„Wieso sagst Du das?“ frage ich.

Sie zögert. „Weil die einen ständig Sonderwege bekommen und die anderen nicht. Und keiner versteht, warum.“

Ich nicke langsam. Das ist kein Gerücht. Ich kenne die Fälle: flexible Arbeitsmodelle, Projektbesetzungen, Boni, Entwicklungswege. Wir haben gute Gründe für einzelne Entscheidungen. Aber Gründe, die niemand kennt, werden in Organisationen zu Willkür.

Und Willkür ist Gift.

Am nächsten Morgen liegt eine konkrete Eskalation auf meinem Tisch. Zwei Mitarbeitende aus derselben Abteilung, beide mit ähnlicher Rolle. Der eine bekommt eine Fortbildung, der andere nicht. Begründung der Führungskraft: „Bei ihm lohnt es sich nicht mehr.“

Ich spüre Wut. Weniger gegen die Führungskraft als Person, mehr gegen die beiläufige Härte dieser Logik. „Lohnt es sich nicht mehr“, als hätte man das Recht, Menschen innerlich abzuschreiben, wenn sie nicht perfekt passen.

Ich rufe die Führungskraft an, Martin, Bereichsleiter. Er kommt nachmittags in mein Büro.

„Martin“, sage ich, nachdem wir sitzen, „ich will mit Dir über die Weiterbildungsentscheidung sprechen.“

Er verschränkt die Hände. „Okay.“

„Du hast bei Thomas die Fortbildung bewilligt und bei Ahmet nicht. Begründung: ‚lohnt sich nicht mehr‘. Was heißt das?“

Er zieht die Stirn zusammen. „Thomas ist leistungsstark, schnell, zieht Sachen. Ahmet ist seit Jahren solide, aber er entwickelt sich nicht. Ich will unsere Budgets da einsetzen, wo sie Rendite bringen.“

Rendite. Ich halte kurz inne, bevor ich antworte. Gerechtigkeit beginnt nicht im moralischen Ton. Sie beginnt im klaren Rahmen.

„Martin“, sage ich, „ich verstehe Deine Budgetverantwortung. Aber Deine Begründung wirkt willkürlich und abwertend. Und sie verträgt sich nicht mit unseren Führungsgrundsätzen.“

Er schaut mich irritiert an. „Aber ich muss doch differenzieren.“

„Ja“, sage ich. „Differenzieren ist legitim. Aber Du musst es fair und transparent begründen. Und Du musst Menschen Entwicklung ermöglichen, bevor Du ihnen absprichst, dass es sich lohnt.“

Er will etwas sagen. Ich halte den Blick. „Kannst Du mir objektive Kriterien nennen, nach denen Du entschieden hast?“

Er schweigt.

„Siehst Du“, sage ich. „Das Team sieht das auch.“

Ich lehne mich etwas vor. „Gerechtigkeit heißt nicht, alle gleich zu behandeln. Gerechtigkeit heißt, unterschiedliche Entscheidungen nachvollziehbar und respektvoll zu machen.“

„Und was soll ich jetzt tun?“ fragt er leiser.

„Zwei Dinge“, sage ich. „Erstens: Du führst mit Ahmet ein Entwicklungsgespräch. Weniger als Abrechnung, mehr als Angebot. Was braucht er, um stärker zu werden? Was braucht das Team? Zweitens: Wir definieren für Weiterbildung klare Kriterien, die für alle gelten. Dann müssen wir nicht nach Bauchgefühl entscheiden.“

Er atmet aus. Ich sehe, dass es bei ihm arbeitet. Er ist nicht unfair. Er ist nur in einer Logik groß geworden, die Zahlen über Menschen stellt.

„Okay“, sagt er. „Das mache ich.“

Wir entwickeln noch am selben Abend die Kriterien: Leistung, Potenzial, Rolle, Entwicklungsziel, Teamnutzen. Weniger als starres Raster, mehr als transparente Leitplanken.

Zwei Wochen später bekomme ich eine kurze Mail von Ahmet. Dank für das Gespräch, klarer Entwicklungsplan, und ein Satz: „Ich dachte ehrlich, ich bin hier abgeschrieben. Das Gespräch hat mir gezeigt, dass ich noch eine Chance habe.“

Im nächsten Führungskreis stelle ich die Kriterien vor, und sage bewusst auch den unbequemen Satz dazu: „Wenn Ihr differenziert, begründet es so, dass Ihr es jedem Menschen ins Gesicht sagen könnt.“

Ein paar nicken. Ein paar schauen weg. Auch das ist Realität.

Abends rufe ich Jana an. „Wir haben Kriterien eingeführt“, sage ich. „Und wir werden Entscheidungen künftig transparenter machen.“

Sie lacht kurz. „Gut. Sonst verlieren wir Vertrauen von innen.“

Fairness ist keine Nettigkeit. Sie ist ein Fundament, auf dem Organisationen stehen.

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