Eine Geschichte über den Umgang mit dem Hochstapler-Gefühl
Zwölf Minuten vor der Sitzung übt sie im Spiegel ihren Gesichtsausdruck. Eine Geschichte über das Hochstapler-Gefühl und den Platz, der einem längst zusteht.
Zwölf Minuten vor der Sitzung stehe ich auf der Toilette im vierzehnten Stock und übe meinen Gesichtsausdruck im Spiegel.
Nicht meine Worte. Meinen Gesichtsausdruck. Den Ausdruck, der sagt: Ich gehöre hierher. Draußen hinter der Glaswand liegt die Stadt im Dunst, unten fahren die Menschen zur Arbeit, die sich diese Frage nicht stellen. Meine Frage steht seit halb sechs neben mir, seit ich wach lag und an die Decke sah. Gleich sitze ich im Strategieausschuss und stelle die neue Vertriebsstruktur vor, mein Projekt, meine Zahlen, ein Jahr Arbeit. Und eine leise Stimme in mir sagt seit Tagen dasselbe: Heute fliegst Du auf. Heute merken sie, dass Du das nur so weit geschafft hast, weil noch keiner genau hingeschaut hat.
Dabei stimmt alles. Die Pilotregion liegt elf Prozent über Plan. Das Team steht hinter dem Modell. Zwei Vorstände haben mich persönlich gebeten, es vorzustellen. Auf dem Papier bin ich genau da, wo eine Bereichsleiterin nach fünfzehn Jahren sein sollte. Im Kopf bin ich das Mädchen, das gleich beim Schummeln erwischt wird.
Ich kenne diesen Mechanismus. Je größer die Bühne, desto lauter die Stimme. Bei der Beförderung war sie da. Beim ersten Board-Meeting war sie da. Und jedes Mal habe ich sie mit derselben Methode bekämpft: noch eine Nacht Vorbereitung, noch eine Folie, noch ein Argument in der Hinterhand, für den Fall, dass jemand die eine Frage stellt, die alles zum Einsturz bringt. Perfektion als Versteck. Es hat mich bis hierher gebracht. Und es kostet mich jedes Mal mehr Schlaf.
Gestern Abend hatte ich noch ein kurzes Gespräch mit der Coachin, die unseren Bereich seit dem Frühjahr begleitet. Ich erzählte ihr von der Sitzung, von den elf Prozent, von der Stimme. Sie hörte lange zu. Dann fragte sie nur: „Woran würden die anderen im Raum merken, dass Sie eine Hochstaplerin sind?“ Ich setzte an, eine Antwort zu geben, und fand keine. „Das ist der Punkt“, sagte sie ruhig. „Das Gefühl behauptet etwas, das die Fakten nicht hergeben. Sie müssen es nicht wegdiskutieren. Sie müssen ihm nur nicht mehr die Führung überlassen.“
Ihm nicht mehr die Führung überlassen. Ich stehe vor dem Spiegel und höre den Satz noch einmal. Vielleicht muss ich gar nicht sicher wirken. Vielleicht reicht es, sicher zu handeln, während die Stimme leise weiterredet.
Der Sitzungssaal riecht nach Kaffee und Politur. Ich lege meine Unterlagen ab, ohne sie ein weiteres Mal durchzublättern. Als ich an der Reihe bin, stehe ich nicht auf, um zu beeindrucken. Ich stehe auf, um etwas zu erklären, das ich verstanden habe. Ich zeige die Struktur, die Regionen, die Zahlen. Ich rede langsamer als sonst, weil ich nicht gegen die Stimme anrennen muss.
Dann kommt die Frage, vor der ich mich seit Tagen fürchte. Der Finanzvorstand, über den Rand seiner Brille: „Und wenn die elf Prozent nur ein Regionaleffekt sind? Was, wenn sich das nicht überträgt?“ Früher hätte mein Herz sofort zu hämmern begonnen. Der Beweis, denke ich kurz, jetzt kommt der Beweis, dass ich es nicht kann.
Ich atme einmal aus. „Das ist die richtige Frage“, sage ich. „Ehrlich: Ich weiß es noch nicht sicher. Ich habe drei Annahmen, die dafür sprechen, und eine, die dagegen spricht. Genau deshalb schlage ich einen zweiten Piloten in einer strukturell anderen Region vor, bevor wir ausrollen.“ Für einen Moment ist es still. Dann nickt er. „Vernünftig.“ Kein Applaus. Kein Zusammenbruch. Nur ein sachliches Nicken, und das Gespräch geht weiter.
In diesem Nicken liegt etwas, das ich lange gesucht habe. Ich habe nicht so getan, als wüsste ich alles. Ich habe gezeigt, was ich weiß, und benannt, was ich noch nicht weiß. Und der Raum hat mich dafür nicht kleiner gemacht. Er hat mich ernster genommen.
Als ich später zurück ins Büro gehe, ist die Stimme nicht weg. Sie murmelt noch, leiser jetzt, irgendwo im Hintergrund. Aber sie sitzt nicht mehr am Steuer. Ich lasse sie reden und gehe trotzdem weiter.
Das Hochstapler-Gefühl verschwindet nicht, wenn die Ergebnisse besser werden. Es verschwindet, wenn ich aufhöre, ihm zu glauben. Kompetenz heißt nicht, alles zu wissen. Kompetenz heißt, mit dem, was ich weiß, verantwortungsvoll umzugehen und beim Rest ehrlich zu bleiben.
