Energie durch Entwicklung
Führungsgeschichten

Eine Geschichte über das Erkennen eigener Muster

Schon wieder macht sie die Arbeit ihrer Koordinatorin zu Ende. Eine Geschichte über das Erkennen eigener Muster — und über den ersten Schritt aus einem heraus.

Victoria Beckers 4 Min. Lesezeit

Es ist kurz nach acht an einem Juniabend, und die Luft steht noch warm im Büro. Durch das gekippte Fenster höre ich, wie draußen die letzten Kollegen zu ihren Autos gehen und sich einen schönen Feierabend wünschen. Ich sitze am Platz von Sabine, meiner Teamkoordinatorin, und ertappe mich dabei, wie ich schon wieder etwas zu Ende bringe, das eigentlich sie machen wollte.

Vor mir liegt der Dienstplan für die Wohngruppe. Am Nachmittag stand Sabine in meiner Tür, mit diesem Blick, den ich gut kenne. Zwei Kolleginnen krank, eine Übergabe offen, der Plan muss bis morgen früh hängen. Ich habe gesagt, was ich immer sage: „Lass gut sein, ich mach das schnell.“ Und schneller ging es. In zwanzig Minuten hatte ich fertig, wofür sie eine Stunde gebraucht hätte, weil ich jeden Namen und jede Schicht im Kopf habe.

Jetzt hängt der Plan. Sabine ist längst zu Hause bei ihren Kindern, und ich sitze in einem leeren Büro, während die Abendsonne flach über den Parkplatz fällt und die letzte Autotür ins Schloss klappt.

Als Bereichsleiter bei einem sozialen Träger führe ich vier Wohngruppen und ein Team von dreißig Leuten. Ich bin gut in dem, was ich tue, das sagen alle. Was keiner sieht: Ich bin morgens der Erste im Haus und selten vor acht am Abend wieder draußen. Die Aufgaben der anderen sammeln sich auf meinem Tisch wie Blätter im Herbst, immer aus einem guten Grund, immer, weil es gerade schneller ging.

Ich packe meine Tasche und denke: Das war heute eine Ausnahme. Krankheitswelle, Dienstplan, das kann passieren. Morgen wird es ruhiger. Diesen Satz denke ich, seit ich in dieser Rolle bin.

Auf dem Weg zum Auto gehe ich die Woche durch. Am Montag habe ich die Abrechnung von Tobias korrigiert, weil er im Urlaub war. Am Mittwoch bin ich für eine erkrankte Nachtwache eingesprungen, obwohl es einen Bereitschaftsdienst gibt, den ich hätte anrufen können. Jedes Mal war es die schnellere Lösung, und jedes Mal bin ich am Ende der, der zu lange bleibt. Mir fällt auf, wie normal mir das geworden ist, so normal, dass ich es kaum noch als Entscheidung wahrnehme.

Zwei Tage später sitzt mir Frau Renner gegenüber, die Coachin, die unseren Bereich seit dem Frühjahr begleitet. Ich erzähle ihr von dem Abend mit dem Dienstplan, ausführlich, ein wenig stolz sogar, weil ich es gelöst habe. Ich warte darauf, dass sie fragt, wie ich besser hätte delegieren können.

Sie fragt etwas anderes. „Wo taucht genau das noch auf?“, sagt sie ruhig. „Dieses Einspringen, weil es schneller geht. Wo kennen Sie das noch?“

Ich will antworten, dass es hier doch um den Dienstplan geht. Dann halte ich inne.

Da ist der Sonntag bei meiner Mutter, die seit dem Sturz schlechter läuft. Meine beiden Brüder wohnen näher an ihr. Trotzdem fahre ich hin, kaufe ein, sortiere die Medikamente, weil ich es eben schnell erledige und niemand fragen muss. Da ist Anja, meine älteste Freundin, die seit Monaten von ihrer Trennung erzählt. Ich höre zu, ich organisiere, ich schicke ihr Adressen von Anwältinnen und rufe abends noch einmal an, ob sie es geschafft hat. Ihre Sorgen liegen nachts auf meinem Kissen, ihre Entscheidungen treffe am Ende fast ich, während meine eigenen Baustellen warten müssen.

Drei Orte. Ein Büro, ein Küchentisch, ein Telefonhörer. Dieselbe Bewegung: Ein anderer Mensch hat ein Problem, ich sehe es, ich greife zu, ich löse es, und am Abend bin ich leer. Immer nach demselben Ablauf, über Jahre hinweg, ohne dass ich es je zusammen gesehen hätte.

Ich sitze da und spüre, wie sich etwas ordnet. Jahrelang habe ich jeden dieser Abende für sich betrachtet, die kranken Kolleginnen, die Mutter, die Freundin, jedes Mal ein eigener guter Grund. Die Situationen sind verschieden, die Bewegung ist jedes Mal die gleiche. Nicht die vollen Abende sind das Problem. Es ist das wiederkehrende Muster, das mich an jeden dieser Abende bringt.

„Sie haben es gerade selbst gesehen“, sagt Frau Renner. Ich nicke. Zum ersten Mal schaue ich nicht auf eine einzelne Situation. Ich schaue auf die Klammer, die alle drei verbindet.

Auf dem Heimweg halte ich an der roten Ampel und lasse den Satz noch einmal durch den Kopf gehen. Überverantwortung, so nenne ich es für mich, während die Abendsonne die Windschutzscheibe blendet. Das Wort klingt fast harmlos, und trotzdem hat es mich viele Jahre meine Abende gekostet.

Am nächsten Morgen kommt Sabine in mein Büro, wieder mit einem Anliegen, wieder mit diesem Blick. Ein Bericht für die Heimaufsicht, Frist übermorgen, und sie ist unsicher, ob sie die Zahlen richtig zusammenstellt. Meine Hand ist schon halb ausgestreckt nach ihrem Ordner. Ich kenne die Bewegung jetzt, und ich halte sie an.

„Setz Dich“, sage ich. „Zeig mir, wo Du feststeckst. Ich schau mit Dir drauf, den Bericht schreibst Du.“ Sie zögert, dann setzt sie sich. Es dauert länger als zwanzig Minuten. Am Ende hat sie den Bericht selbst gebaut, und ich habe zum ersten Mal seit Langem um Viertel nach sechs Feierabend gemacht.

Nichts an dem Muster ist über Nacht verschwunden. Es meldet sich am Sonntag bei meiner Mutter wieder, es meldet sich, wenn Anja anruft. Aber ich sehe es jetzt kommen, bevor ich mittendrin bin, und in dem kleinen Moment, in dem ich es kommen sehe, habe ich zum ersten Mal eine Wahl.

Ein Muster zu erkennen, heißt nicht, es sofort loszuwerden. Es heißt, es zum ersten Mal zu wählen, statt es nur zu wiederholen.

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